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Cannabis zu Genusszwecken über Apotheken: Ist das eine gute Idee Herr Lindner?

Cannabis zu Genusszwecken über Apotheken: Ist das eine gute Idee Herr Lindner?
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Seit 2017 ist medizinisches Cannabis in Deutschland legal und die rezeptpflichtige Abgabe erfolgt, wie andere Arzneimittel auch, über die Apotheken. Seitdem die Ampelkoalition und somit eine mögliche Cannabislegalisierung zu Genusszwecken immer näher rückt, wird auch die Frage nach dem wie immer stärker diskutiert. FDP Vorsitzender Christian Lindner scheint eine Abgabe über Apotheken zu priorisieren, doch ist das wirklich eine gute Idee?

Herr Lindner möchte besonders die Kriminal- und Gesundheitsprävention und nicht das „Recht auf Rausch“ in den Vordergrund rücken. Das ist auch nachvollziehbar, da diese Argumente auch für jeden, der mit der Materie nicht ganz so vertraut ist, einleuchten. Um nun zu sehen, ob die Abgabe über Apotheken sinnvoll ist, müssen wir uns die denkbaren Abgabemodelle erst einmal genauer ansehen:

Welche Abgabemodelle für legales nichtmedizinisches, sogenanntes „Recreational Cannabis“ gibt es?

  1. Vollständige Legalisierung

Eine vollständige Legalisierung würde bedeuten, dass so gesehen jedes Geschäft Cannabis anbieten dürfte, wie es bei Alkohol und Zigaretten aktuell der Fall ist. Beide Drogen können ab 18 Jahren an der Supermarktkasse direkt neben den Überraschungseiern für Kinder erworben werden. Für Cannabis hat derzeit keine Partei ein solches Abgabemodell im Blick.

  1. Coffeeshops / Social Clubs

Die aus Holland bekannten Coffeeshops und die aus Spanien oder Belgien bekannten Cannabis Social Clubs sind in der Form der Abgabe recht ähnlich. Cannabis kann im Laden (im Falle der Social Clubs gegen einen Mitgliedsbeitrag) erworben werden und dort auch direkt konsumiert werden. Diese Modelle sind vergleichbar mit einer Bar, in der die Drinks auch für zuhause abgeholt werden können.

  1. Lizensierte Fachgeschäfte

Das Modell der lizensierten Fachgeschäfte ist vor allem in den USA und Kanada zu finden. Die sogenannten Dispenseries erhalten eine Lizenz vom Staat und dürfen Cannabisprodukte samt konsumbezogenem Zubehör inklusive Beratung anbieten. Konsumiert wird in diesen Einrichtungen nicht, was sie maßgeblich von Coffeeshops unterscheidet.

  1. Abgabe über Apotheken

Für das Apothekenmodell, welches bislang nur theoretisch für den nichtmedizinischen Gebrauch existiert, wird die bereits bestehende Infrastruktur und die medizinische Fachkundigkeit der Apotheken genutzt.

Was spricht für Recreational Cannabis über Apotheken?

Cannabis ist eine Droge und birgt gesundheitliche Risiken analog zu beispielsweise Alkohol und Zigaretten. Deshalb ist insbesondere für Erstkonsumenten, aber auch für Personen mit kritischem Konsum Aufklärung nötig. Dass ein Apotheker diese Aufklärung aufgrund seiner Ausbildung leisten könnte, ist zumindest anzunehmen. Schließlich muss ein Apotheker auch komplexere Wechselwirkungen von Wirkstoffen verstehen.

Wieland Schinnenburg, aktueller drogenpolitischer Sprecher der FDP, weist uns gegenüber zudem auf die hervorragende Infrastruktur hin, die vor allm im ländlichen Raum die Nachfrage bedienen soll.

Was spricht gegen eine Abgabe über Apotheken?

Es muss festgehalten werden, dass Recreational Cannabis explizit kein Arzneimittel, sondern ein Genussmittel ist. Und während bei Medizinalhanf der Schwerpunkt auf dem therapeutischen Nutzen von Cannabis liegt und die Therapie notwendigerweise von einem Arzt betreut werden muss, ist Recreational Cannabis für jeden ab 18 Jahren zugängig. 

Die Unterscheidung zwischen Medical und Recreational war ein wichtiger Fortschritt und sollte durch eine Legalisierung nicht rückgängig gemacht werden. Denn Patienten sind keine „Kiffer“ und „Kiffer“ keine kranken Menschen. Deshalb sollte auch die Abgabe nicht über denselben Tresen laufen. 

Auch ist es aktuell zumindest im Apothekengesetz nicht vorgesehen, dass Genussmittel zum apothekenüblichen Sortiment zählen. Der Logik von Herrn Lindner folgend, dass Cannabis als „Suchtmittel“ generell in die Apotheken gehöre, stellen wir uns doch einmal vor, was die Apotheke für ein Ort wäre, wenn Tabak, Alkohol und Spielautomaten ausschließlich dort angeboten werden würden. 

Denn auch die Frage nach dem Jugendschutz gilt es im Apothekenmodell zu beantworten. Schließlich ist es leicht, für einen Coffeeshop oder ein Fachgeschäft eine Altersbeschränkung ab 18 einzurichten. Bei Apotheken dürfte das schwierig werden.

Es gibt noch viele weitere Fragen, die das Apothekenmodell schwierig erscheinen lässt. Werden Paraphernalia wie Grinder und Bongs, Papes und Filter dann zwischen Wick Nasenspray und Salbeibonbons stehen? Was erzählen wir unseren neugierigen Kindern über den süßlichen Geruch, der die Pharmazie erfüllt, während ein interessierter Kunde sich durch das angebotene Sortiment schnüffelt? Generell würde sich wohl ein neuer Apothekengeruch in kürzester Zeit etablieren. Wo kommen die ganzen neuen Apotheker her, um die Nachfrage von jährlich mindestens 250 Tonnen Cannabis zu bedienen? Und überlassen wir die jetzigen Schwarzmarktakteuren den eigenen Umschulungsmaßnahmen oder versuchen wir sie im Sinne der Kriminalitätsprävention in neue legale Arbeitsplätze einzuarbeiten?

Generell scheint es, als wäre der kurze Kommentar von Herrn Lindner eher Gegenstand der Verhandlungsmasse gegenüber den Grünen, die klar eine Abgabe über Fachgeschäfte fordern, als Grundlage eines ausgereiften Konzeptes. Denn es gibt einige Gründe, wieso das Apothekenmodell bislang noch nirgendwo zum Tragen gekommen ist.

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