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Cannabis und Tourette-Syndrom: Ist eine Therapie mit Gras möglich?

Cannabis und Tourette-Syndrom: Ist eine Therapie mit Gras möglich?
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Viele Menschen haben bereits vom Tourette-Syndrom gehört, doch was genau es ist, wissen wenige. Vorherrschend ist das Klischee vom Betroffenen, der im Minutentakt unter Zuckungen „Arschloch“ und andere Beleidigungen ausruft. Diese Form des Tourette existiert zwar tatsächlich, ist aber vergleichsweise selten und sieht in der Realität meist anders aus. Wir haben uns vorgenommen, durch diesen Artikel mit einigen Vorurteilen aufzuräumen und zudem nachgeforscht, ob und wie Cannabis den Betroffenen helfen kann.

Was genau ist eigentlich Tourette?

Beim Tourette-Syndrom, benannt nach dem französischen Nervenarzt Georges Gilles de la Tourette, handelt es sich um eine nicht-tödliche neurologische Erkrankung. Betroffene der Krankheit unterscheiden sich in ihren Gedanken und Emotionen nicht nennenswert von Menschen ohne Tourette, neigen jedoch zu sogenannten Tics und haben dadurch ihren Körper nicht vollständig unter Kontrolle. Unterschieden wird dabei zwischen vokalen Tics, die sich durch Sprache und Geräusche ausdrücken, und motorischen Tics, die vor allem in Form von Zuckungen erfolgen. Die klischeehafte Form, bei der regelmäßig Beleidigungen ausgesprochen oder gar geschrien werden, nennt man Koprolalie, also Fäkalsprache. Diese kommt aber nur bei etwa einem von fünf Tourette-Betroffenen vor.

Obwohl schon im ausgehenden 19. Jahrhundert entdeckt, gilt Tourette bis heute als unheilbar, wenn auch im Grunde ungefährlich. Die Folgen des Syndroms sind in erster Linie sozialer Natur, denn das auffällige Verhalten der Betroffenen führt oft zu Anfeindungen und Ausgrenzungen. Vorurteile, denen zufolge die Erkrankung zu Aggression und Gewalt vonseiten der Betroffenen führe, haben sich dagegen längst als völlig unbegründet herausgestellt. Die genauen Ursachen sind noch unklar, werden jedoch zumindest teilweise in den Genen vermutet. Als erwiesen gilt, dass bislang unidentifizierte Allele in der menschlichen DNS als Prädisposition für das Syndrom dienen. Dies bedeutet, dass die Rahmenbedingungen für Tourette erblich sind, jedoch nicht immer zum Tragen kommen. Als Auslöser wird unter anderem Stress vermutet, auch da psychischer und körperlicher Stress die Tourette-Tics verstärken.


Auch für Sozialleben und Erfolg kein Todesurteil

Wenn man selbst oder ein Angehöriger die Diagnose Tourette erhält, kann das womöglich die Angst hervorrufen, das Tourette mache ein normales Leben unmöglich. Tatsächlich werden die meisten Betroffenen im Leben wohl häufiger an Ecken und Kanten stoßen, als Menschen, die an keiner neurologischen Störung leiden. Gerade in der Schule oder im Beruf sind die Ängste vielleicht auch oft begründet. Da Tourette-Patienten für ihre Mitmenschen jedoch keine erhöhte Gefahr darstellen, und sich in ihrer Intelligenz nicht von Menschen ohne Nervenerkrankung unterscheiden, liegen die Risiken vorwiegend im sozialen Umfeld. Sind Kollegen und Mitschüler vorgewarnt und verständnisvoll, ist das Tourette an sich, ebenso wie die damit oft verbundenen Zwangsstörungen, höchstens ab und an etwas ablenkend oder nervig.

Tatsächlich gibt es sogar prominente Beispiele für erfolgreiche Menschen mit Tourette-Syndrom: Der US-amerikanische Fußball-Torhüter Tim Howard etwa, der derzeit in Denver bei den Colorado Rapids spielt, schreibt Teile seines Erfolgs dem Tourette-Syndrom zu.

Auch der deutsche YouTuber Jan Zimmermann und sein Freund Tim Lehmann verdanken ihren Erfolg der Krankheit. Der neurotypische Lehmann (neurotypisch bedeutet, dass ihn keine neurologischen Auffälligkeiten plagen) und der Tourette-Patient Zimmermann wurden Anfang 2019 durch eine Galileo-Dokumentation bekannt. Seitdem produzieren und veröffentlichen sie regelmäßig unterhaltsame und informative Videos zum Thema, vor allem um diesbezüglich mit Vorurteilen aufzuräumen. Der Kanal mit Namen „Gewitter im Kopf“ hat inzwischen über 1,4 Millionen Abonnenten (Stand 7. August 2019).


Cannabis wird als Behandlungsform erforscht

Da Stress als einer der Auslöser von Tics vermutet wird, und Tiefenentspannung für die Betroffenen als förderlich gilt, wird Tourette seit einigen Jahren auch mit Cannabis therapiert. Zwar befindet sich diese Therapie noch in der Erprobung, jedoch wird THC-haltiger Hanf von Experten dann empfohlen, wenn Resistenzen gegen herkömmliche Medikamente wie Clonidin eine klassische Behandlung unmöglich machen. Dem bereits erwähnten, von Tourette betroffenen YouTuber Jan Zimmermann zufolge hilft Cannabis bei ihm zwar nicht, dies sei jedoch eine Ausnahme, während es bei den meisten Betroffenen zu Linderung führe.

Wissenschaftlich getestet wird derzeit übrigens, ob besagte Linderung vorwiegend durch CBD oder THC auftritt.


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